Redebeitrag Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität dgti e. V.

Zum CSD Bremen 2020 stellen wir möglichst viele Redebeiträge der Kundgebung online, damit sie auch durchgelesen werden können und langfristig zur öffentlichen Diskussion beitragen.

Hier folgt der Redebeitrag von Julia Steenken, Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität dgti e. V.


Moin Bremen,

da hat sich das Konglomerat der stetig länger werdenden Aneinanderreihung von Buchstaben hier und heute zusammengefunden. Doch wofür und warum?

Zum Feiern? Was denn? Aus Sicht Transidenter nicht wirklich etwas.

Das Abstammungsrecht?

Eine Mogelpackung. Man hat scheinbar die letzten Jahre geschlafen und nicht bedacht das es vier rechtlich mögliche Geschlechtseinträge gibt und diese einfach nicht berücksichtigt. Mit fatalen Folgen für die Betroffenen.

Und nicht zu vergessen das leidige Transsexuellengesetz. Seit 40 Jahren nichts neues.

Zwar gab es letztes Jahr einen Reformversuch. Doch dieser wurde zu Recht, auch von der dgti, sehr schnell dorthin befördert wo er hingehört, auf den Müllhaufen der Geschichte.

Doch in Erwartung einer absehbaren Entscheidung des BVG zu eines selbst verursachten Regelungs-Dualismus bewegt sich in der Politik etwas. Ein erstes Gespräch dazu hat vorgestern bereits stattgefunden. Aber immer noch sträubt man sich gegen die eigentlich verfassungsrechtlich gebotene Umsetzung einer selbstbestimmten Lösung auf Grundlage der Selbstauskunft.

Menschen mit Varianten der Geschlechtsentwicklung, das sind Trans * Intergeschlechtliche und nicht-binäre Menschen, stellen keine Gefahr für irgendjemand da und man muss sie auch nicht vor sich selbst schützen. Niemand fordert eine vorherige psychiatrische Begutachtung der Ehefähigkeit noch eine Beratung hierzu. Dabei ist die Scheidungsrate deutlich höher als die derzeit medial aufgebauschte Zahl der Rückkehrer von unter einem Prozent.

Jeder Fortschritt der letzten Jahre wurde durch die Betroffenen hart erkämpft, so auch die gewünschten und notwendigen Maßnahmen im Zuge der Geschlechtsangleichung. Diese werden allerdings nicht nur de jure sondern auch de facto als Gnaden und Willkürakt von den Krankenkassen gewährt. Auch hier fehlt ein gesicherter und durchsetzbarer Rechtsanspruch.

Ist denn wenigstens das Herausfallen der Transidentität aus den psychischen Krankheiten ab 2022 kein Grund zur Freude?

Eine sehr bittere Freude da die neue Kategorie auch unschöne Erscheinungsformen des menschlichen Handelns aufweist mit denen unsereins bislang nur von gruppenbezogenen Menschenfeinden in Verbindung gebracht wurden.

Wie man sieht haben Trans* und intersexuelle Menschen wahrlich keinen wirklichen Grund zum Feiern. Für uns ist der heutige CSD eher ein Anlass für unsere Rechte, unsere unveräußerlichen Menschenrechte kämpferisch und laut sichtbar einzustehen. Hierbei bedürfen und fordern wir die Unterstützung aller.

Darum liebe warme und kalte Geschwister, wechselt das Ufer und verlasst die Kuschelzone. Damals haben wir für und mit euch im Stonewall Inn Widerstand geleistet. Unsereins hat ebenfalls unter großen persönlichen Opfern gekämpft, damit wir alle nicht mehr den Schaftstiefel der Ordnungsmacht im Nacken haben. Es ist endgültig an der Zeit das ihr uns helft zumindest die Tyrannei des TSG und des Personenstandsrechts zu beenden.

Für ein unveräußerliche Recht auf ein selbstbestimmtes Leben, als der Mensch der wir sind und als der wir geboren wurden.

Nieder mit der Zwangsbegutachtung und ärztlichen Bescheinigungen!

Aber was nützen uns alle Rechte und Fortschritte wenn sie nicht durchsetzbar und geschützt werden. Das sog. Gesetz gegen Konversionsbehandlungen ist ein Witz. Eigentlich soll es Menschen davor schützen das ihre sexuelle Orientierung als auch die geäußerte Geschlechtszugehörigkeiten nicht unterdrückt oder einem Versuch der Änderung ausgesetzt werden. Doch dieses Gesetz ist so lieblos und schlampig, gegen die Hinweise und Empfehlungen aller Fachgesellschaften, formuliert, dass es nur schwer anwendbar sein wird.

Um es endgültig wirkungslos werden zu lassen hat beispielsweise die Evangelische Allianz auch umgehend eine Handreichung geschrieben wie ihre Gemeinden es umgehen kann. Das Ergebnis ist, dass Menschen, auch und gerade mitten in Bremen, seelisch gefoltert und ihre Seele gebrochen wird. Alles im Namen der erweckten Christenheit und unter dem Deckmantel des Schulbetriebes.

Die Vorwürfe gegen die FEBB in einem kürzlich bekannt gewordenen Fall erinnern eher an die des Fritz Bauer, an die Lagerschergen im Frankfurter Auschwitzprozess, als an eine öffentlich anerkannte Ersatzschule. Nicht die Buchstabensuppe ist eine Gefahr für Kinder, sondern die in Teilen fanatisierte und ideologisierte Lobby der erweckten Christenheit.

Hier heißt es nicht mehr zu werben und zu lehren sondern hier gilt es nur noch zu strafen. Es geht nicht im Petitessen sondern um die Würde des Menschen und die körperliche als auch geistige Unversehrtheit.

Ich danke für die Aufmerksamkeit.

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