Redebeitrag Queer Fischtown

Zum CSD Bremen 2020 stellen wir möglichst viele Redebeiträge der Kundgebung online, damit sie auch durchgelesen werden können und langfristig zur öffentlichen Diskussion beitragen.

Hier folgt der Redebeitrag von Queer Fischtown.


Svea: Der Juni ist bekanntermaßen Pride Month: ein ganzer Monat in dem Nicht-Heteronormatives gefeiert wird. Viele Städte hissen die Regenbogenflagge, organisieren CSDs oder kleinere queere Veranstaltungen – doch nicht die 110.000 Einwohner große Seestadt Bremerhaven, liebevoll auch Fischtown genannt. Hier sind wir lange unsichtbar gewesen.

Auch wenn als junger queerer Mensch in Bremerhaven aufzuwachsen mit viel Frust, fehlenden Ressourcen, mangelnder Repräsentation, untergeförderter Aufklärungsarbeit und einer gewissen selbstschützenden Verdecktheit verbunden ist, nützt es wenig sich nur zu beschweren.

Phil: Ich für meinen Teil lebe erst seit 5 Jahren in Bremerhaven, komme gebürtig aus einer kleinen Stadt in Thüringen. Dort war es voll üblich, dass man erst lange Bus bzw. Zug fahren muss, um in einer Stadt zu landen, in der es Bars für Queere Personen gab. Aber dann zog ich halt nach Bremerhaven - und dachte: Krass! Die Stadt ist ja immens größer als Ohrdruf; hier wird es bestimmt auch Szene geben!

Tja, Pustekuchen, leider gab es nichts. Das war schon irgendwie enttäuschend, weil Bremerhaven, das kennt man doch, das klingt nach was, und dann gab es halt doch nichts… Wie dem auch sei, dafür sind wir heute als das selbsternannte Bremerhavener CSD-Komitee Queer Fischtown hier. Zum Pride Month 2020 hatten wir im Juni eine Malaktion auf dem Willy-Brandt-Platz in Bremerhaven gestartet. Vielleicht hat es ja jemand von euch gelesen oder gehört.

Wir waren sehr stolz darauf, dass sofort diverse Radiosender auf uns aufmerksam wurden und berichteten. Zurück zur Aktion: auf dem Platz sind mehrere Fische auf den Boden gedruckt, die wir mit einfacher Straßenkreide in den unterschiedlichsten, extra beschrifteten, Pride Flaggen erstrahlen ließen. Durch diese Aktion - und das kleine Medienecho - konnten wir erstmals auf uns aufmerksam machen.

Svea: Es gibt trotz allem nämlich einige fleißige Bremerhavener Bienchen, die etwas verändern wollen, durch die unsere Gruppe überhaupt erst entstehen konnte. Eine davon ist meine Freundin Ann-Kristin Hitzemann vom Kreativen Aufbruch Bremerhaven (kurz kab.), dessen Ziel es ist, Kulturschaffende in Bremerhaven zu unterstützen.

Im Spätsommer letzten Jahres nannte eine Freundin spontan beim gemeinsamen Brainstorming mit dem kab. die Idee eines eigenen CSDs für Bremerhaven. Was ohne jegliche Struktur noch sehr ambitioniert schien. Wir dachten uns jedoch, wenn selbst das kleine Cloppenburg mit 35.000 Einwohnern einen CSD auf die Beine stellen kann, warum dann nicht wir?

Phil: Im Herbst 2019 wurde durch den Stadtjugendring Bremerhaven die erste LGBTQI+ Jugendgruppe namens PRISM ins Leben gerufen – die Allererste. Im Jahr 2019. Das muss man erstmal sacken lassen. Aber besser spät als nie. Der Ansturm auf die Gruppe war enorm. Auch das Alter umfasste grob die Altersgruppen von 14 bis 25. Der Bedarf war also unschwer zu erkennen. Doch das betrifft fast jede Form des Safe-Spaces bzw. des Aktivismus in unserer Stadt.

Svea: Bei PRISM hat unser kleines Grüppchen sich kennengelernt und es sich zur Aufgabe gemacht als Bremerhavens CSD-Komitee zu fungieren. Unser erstes Ziel war es für Bremerhaven einen eigenen CSD Paradewagen auf dem Bremer CSD zu organisieren. Corona hat unserer Planung natürlich einen Strich durch die Rechnung gemacht. Daher ist es für uns bereits ein großer Erfolg heute hier sein zu können und aus Bremens kleiner Schwester, Bremerhaven, berichten zu können.

Das Wasser, die Seeluft, die diebischen Möwen, die farbenfrohen Schiffe, all das sind die Bilder Bremerhavens für die es sich lohnt, um ein besseres Leben für die Bevölkerung der Seestadt zu kämpfen. Die Stadt am Meer hat viele soziale Probleme, die die Gesellschaft förmlich lähmt sich weiterzuentwickeln. Es ist wie in Maslows Bedürfnispyramide – vor Individualbedürfnissen und Selbstverwirklichung, müssen die rein finanziellen und materiellen Existenzängste der Menschen überwunden werden. Deshalb hängt auch viel an uns, der Zivilgesellschaft, Ressourcen zu schaffen und zu teilen.

Phil: Die einzige Form des Aktivismus, die Queer Fischtown beim CSD Bremen und vielleicht eines Tages bei einem Bremerhavener Christoper Street Day präsentieren möchte, ist daher auch intersektional: gegen Homo-, Bi-, Ace- und Transphobia, gegen Sexismus, gegen Rassismus, gegen Ableismus, gegen Antisemitismus, gegen Klassismus.

Svea: Dafür, dass wir heute hier sein können, bedanken wir uns bei allen, die uns bis hierhin unterstützt haben:

  • dem kab. für die Inspiration uns für Veränderung einzusetzen,
  • dem Stadtjugendring dafür, dass PRISM ins Leben gerufen wurde und wir uns dort vernetzen konnten,
  • dem CSD Bremen Team für eine weitere Malaktion und dafür, dass man uns hier mit offenen Armen willkommen geheißen hat
  • und allen, die uns heute hier zugehört haben. Vielen Dank.
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