Redebeitrag Queeraspora

Zum CSD Bremen 2020 stellen wir möglichst viele Redebeiträge der Kundgebung online, damit sie auch durchgelesen werden können und langfristig zur öffentlichen Diskussion beitragen.

Hier folgt der Redebeitrag von Queeraspora.


Liebe Geschwister,

es ist 2020. In diesem Jahr haben wir Corona erlebt oder überlebt, konnten uns nicht treffen, wie wir es uns gewünscht hatten, mussten uns isolieren und distanzieren.

Nun, unter strengen Corona Bedingungen, sehen wir uns alle unter alternativen Umständen auf unserem CSD wieder. Wir haben es geschafft, uns trotz eines gefährlichen Virus zusammen zu finden und uns gegenseitig zu feiern, aber auch um gemeinsam an die Stonewall riots zu erinnern sowie an unsere Geschwister weltweit zu denken, die nicht mit uns zusammen sein können.

Immer noch werden weltweit queere Personen ausgeschlossen, verfolgt, diskriminiert oder angegriffen, nicht ernst genommen, exotisiert, marginalisiert und an ihrer berechtigten Teilnahme an der Gesellschaft und am Leben behindert. Einige unserer Geschwister sind in westlichen und privilegierteren Ländern angekommen, mit dem Glauben, ihre sexuellen und/oder geschlechtlichen Identitäten oder Ansichten frei zu entfalten. Jedoch erfahren sie auch hier Ausgrenzung aufgrund ihrer ethnischen, kulturellen Identität oder Hautfarbe.

Seit Jahren machen wir darauf aufmerksam, dass das BAMF und einige Gerichte Queeren Geflüchteten nicht so einfach Schutz anbieten möchten, obwohl nach Beschlüssen des EuGH 2013 sowie 2016 Queer als Fluchtgrund gilt und besonders Schutzbedürftig deklariert wurde. Auch wenn in Bremen Abschiebung anders quantitativ durchgeführt werden, als in anderen Bundesländern, sind in Niedersachsen und Bremen ansässige Queere Geflüchtete in den ersten Instanzen des Gerichtes entweder abgelehnt oder ihre Queere Identität abgesprochen worden.

Es gibt auch bei uns angedockte Personen, die Ablehnungen und extrem mentalen Stress erleiden müssen, weil ihr Aufenthalt unter unklarsten und unsichersten Gerichtsbeschlüssen, kein freies sorgloses Entfalten ermöglicht.

Wünschen wir uns das für unsere Geschwister, die unter heftigsten biographischen Bedingungen, Land, Familie und vieles mehr verlassen mussten, nur damit sie das Minimum an Lebensqualität erhalten, wofür Queere Menschen auch hier Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte lang gekämpft haben?

Wie können wir als nicht-geflüchtete Queere Personen damit umgehen? Ignorieren und „betrifft mich nicht“ darf und ist keine Option; jedoch im Moment eine leider bestehende Realität.

Queere weiße sowie einige queere of color, die hier geboren und/oder aufgewachsen sind, sowie natürlich die Gesamtgesellschaft haben kein Blick auf das sog. „Unsichtbare Gesicht der Flucht“. Queere Geflüchtete werden durch Homo-Trans*-Inter*feindlichkeit sowie Rassismus Unsichtbar gemacht. Sie werden in der Szene diskriminiert oder ausgebeutet, von weißen Geschwistern paternalisiert oder als dekorativen Lebens- und/oder Sexpartner ausgewählt, nur um die eigenen Unzufriedenheiten zu kompensieren. Als wären Queere Geflüchtete Spielzeuge, die mit nem Lieferungsservice gekommen, um die verbohrte weiße Community zu beglücken.

Nein, sie sind nicht angekommen, um eine innere Leere zu befriedigen oder um sich zu integrieren. Sie sind hier, um sich frei auszuleben und Tod und Verderben hinter sich zu lassen. Und dafür haben Betroffene einiges hinter sich gelassen und müssen nun zukünftige sowie aktuelle Hürden bekämpfen.

Vor solchen Menschen haben wir Respekt zu haben und müssen sie ehren, statt sie auszuschließen, sie zu belehren oder auszubeuten. Wir haben zu fragen, was sie brauchen und sollten es ihnen ermöglichen, wo wir auch können, sie zu unterstützen. Denn sie sind wir und wir sind sie. Alles was ihnen widerfahren ist, widerfuhr einigen von uns oder könnte uns alle wieder betreffen.

Unsere queeren geflüchteten Geschwister sind unsere Idole, auf die wir aufschauen müssen.

Wenn queere Geflüchtete die Unterstützung ihrer Geschwister brauchen, wünschen oder einfordern, dann darf es keine Frage des ob werden, sondern mit “auf jeden Fall. Wie kann ich helfen” entgegnet werden. Vergisst nicht, dass Solidarität auszuleben, ein Spiegel unserer Selbst und unserer Community ist. Sie definiert, wer wir am Ende als Personen und Community sind. Denn wir sind alle miteinander verbunden, dass alles, was wir tun oder uns entscheiden, auch eine Auswirkung auf uns haben wird.

Also liebe Geschwister,
vergisst nicht, wie eure Geschichte war, damit ihr nie aus den Augen verliert, wo ihr jetzt steht und damit ihr euch immer daran erinnert, wo hinzugehen habt.

Als Queeraspora gehen wir auf die Reise in Richtung „Queere Transnationale Solidarität“.

Kommt mit und lasst uns die Welt mit allen Farben des Regenbogens ausschmücken.

Queer Liberation stounds no Nation.

Queeraspora

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