Bericht von unserer Kundgebung zum Transgender Day of Remembrance am 20.11. // Bilder & Eindrücke


Zwar nähert sich im späten November die Feiertagssaison und fidele Festivitäten wie Thanksgiving, Chanukka, Weihnachten oder das Russische Neujahr stehen praktisch vor der Tür, doch der November ist auch ein Monat der Trauer und des Gedenkens. Dennoch, anders als bei dem unheimlichen Samhain, dem verhältnismäßig fröhlichen mexikanischen Dia de Los Muertes oder dem evangelischen Totensonntag, gedenken die Transgender Community und ihre Allies nicht nur dem Tod an sich, sondern den grausamen Bedingungen aus denen er resultiert ist.

Am 20. November ist der “Transgender Day of Remembrance”, kurz “TDOR”.

Der TDOR wurde 1999 von Gwendolyn Ann Smith in den USA ins Leben gerufen, um sich explizit auf Opfer von Transfeindlichkeit zu besinnen. Bremerhavens LGBTQI+ Jugendgruppe “Queer Fischtown” hielt im Jahre 2020, natürlich Corona-Maßnahmen getreu, eine Mahnwache im Gedenken all unserer Trans-Geschwister, die aufgrund von sinnloser Feindseligkeit viel zu früh dieser Welt entrissen wurden. Die Idee, diese Aktion zu starten, wurde durch die Transgender-Mitglieder von Queer Fischtown initiiert und in Solidarität von der gesamten Gruppe des CSD Bremen/Bremerhaven unterstützt, die auch 2018 und 2019 Kundgebungen zum TDOR organisiert haben.

Seit dem letzten Tag des Erinnerns sind mehr als 350 unserer Geschwister unnötig und mitunter brutal um ihr Leben gebracht worden. Wir wissen nur von diesen, es waren mehr.

- Julia Steenken, aus ihrem Beitrag zur Kundgebung

verkündete Julia Steenken von der Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität dgti e. V. in ihrer einleitenden Rede. Für jeden dieser 350 Menschen wurde eine Kerze vor dem Ludwig-Krüder-Brunnen beim Bremerhavener Stadttheater von den Teilnehmenden der Veranstaltung platziert und daraufhin gezündet. Sie symbolisieren die erschreckende Zahl der Opfer von Hassverbrechen, doch ebenso Suizidopfer einer hasserfüllten Gesellschaft, wie Frau Steenken erläuterte:

Wir denken auch an die, die nicht mehr unter uns sind weil sie dem Druck und die Anfeindungen ihres Umfeldes, ihrer Familie und ihrer Gesellschaft nicht mehr stand hielten. Sie ertrugen es nicht mehr ausgegrenzt, ihrer Würde und ihres Lebensrechtes beraubt zu werden.

- Julia Steenken, aus ihrem Beitrag zur Kundgebung

Insgesamt wurden fünf öffentliche Redebeiträge im Schein der 350 Gedenkkerzen von Transgender Individuen vorgetragen und vom Queer Fischtown Team moderiert. Es wurde von persönlichen Erfahrungen, kombiniert mit den zahlreichen sozialen Notlagen und menschenrechtlichen Versagen berichtet. Von der DGTI und von Zoé haben wir die vollen Redebeiträge veröffentlicht (entsprechend verlinkt).

In einem Redebeitrag verweist Zoé Influenza (Zinfluenza) beispielsweise auf Bereiche, die von großer Relevanz im Kampf gegen Transfeindlichkeit unabdingbar systematischer Veränderung bedürfen, wie Intersektionalität und strafrechtlicher Umgang mit den genannten Hassverbrechen und der damit verbundenen Dunkelziffer:

Hierbei trifft es meist People of Color und SexarbeiterInnen. [...] und auch das hier sind nur Zahlen die nicht Ansatzweise an die Dunkelziffer heran kommen. Denn Transmorde werden meist gar nicht als solche registriert. Die meisten Länder benutzen sogar auch nach dem Tod der Betroffenen den Deadname und verschleiern so die Identität der Betroffenen.

- Zoé Influenza (Zinfluenza), aus ihrem Beitrag zur Kundgebung

Als “Doppelte Auslöschung” beschreibt sie diesen Zustand treffend und viszeral. Ebenso kritisierte sie die journalistischen, wie auch polizeilichen Missstände:

Die meisten Länder, darunter Deutschland führen praktisch keine Statistiken zu transfeindlichen Morden oder überhaupt Gewaltdelikten. Einzig Berlin offenbart die Angriffe auf Homo- und Trangenderidentitäten. Was das für das ganze Land und seine queeren Menschen bedeutet, kann man in Dresden oder Frankfurt gerade ganz aktuell sehen. Und wenn die queeren Hintergründe von Mord und Gewaltverbbrechen durch die Polizei verschleiert werden spricht das für die Werte einer Gesellschaft.

- Zoé Influenza (Zinfluenza), aus ihrem Beitrag zur Kundgebung

Natürlich wurden auch Formen der Transfeindlichkeit beleuchtet, die nicht direkt in Mord münden: Beleidigungen, Drohungen, medizinische Pathologisierung, institutionelle Angriffe durch Kirche und Parteien wie der AfD und internationale Gefahrenlagen der Community. Doch ebenso rief Zoé Influenza abschließend zu Solidarität und Hoffnung auf:

Helft einander in der Not.
Verwandte müssen nicht unbedingt Familie sein. Familie ist dort wo man seine Freunde hat und man selbst sein kann. Wir müssen in diesen Zeiten Familie füreinander sein. [...]
Wir halten zusammen und schaffen das.

- Zoé Influenza (Zinfluenza), aus ihrem Beitrag zur Kundgebung

Bremerhaven ist zivilgesellschaftlich ein verschlafenes Städtchen, somit stellt die Durchführung des Transgender Day of Remembrance einen Meilenstein für einen möglichen Bewusstseinswandel dar. Insgesamt nahmen offiziell 50 Leute an der Gedenkveranstaltung teil, doch es war ebenso möglich auch gelegentlich Vorbeigehende zum Anhalten und Zuhören zu bewegen. Genau darin lag der Wert des TDOR am letzten Samstag in Bremerhaven und weltweit, um es mit Julia Steenkens Worten zu fassen:

“Ihr Schicksal und Opfer seien uns Verpflichtung und Ansporn”

Svea Schnaars

Geschrieben von: Svea Schnaars

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