Stellungnahme zum Übergriff der Queeraspora-Initiative auf unsere Kundgebung


Am Freitag fand wie geplant unsere Kundgebung auf dem Bahnhofsvorplatz zum diesjährigen Christopher Street Day (CSD) Bremen statt. Ebenfalls wie geplant gab es einige Redebeiträge aus der queeren Community. Leider gab es aber einen Übergriff auf den CSD Bremen durch die Gruppe Queeraspora. Zu diesem Übergriff nehmen wir nun Stellung.

Was ist passiert?

Wir wollten mit den Redebeiträgen starten, nachdem die Regenbogen-Flagge mit Flüssigkreide auf den Bahnhofsvorplatz gemalt war. Eines unser Vorstandsmitglieder fing an, die Kundgebung einzuleiten und die Zuhörer:innen zu begrüßen. In dem Moment störten laute Trommeln die Kundgebung. Das Trommeln war so laut, dass die Kundgebung selbst verstärkt durch Lautsprecher nicht mehr zu verstehen war. Das Trommeln ertönte immer dann, wenn die Kundgebung fortgesetzt werden sollte.

Schließlich kam eine Fußgruppe mit den Trommeln auf unser Vorstandsmitglied zu. Es stellte sich heraus, dass die Gruppe Queeraspora bewusst die Kundgebung störte, um den ersten Redebeitrag halten zu können. Das war insofern nicht nachvollziehbar, als dass Queeraspora laut Planung den dritten Redebeitrag halten konnte. Es ging also nie darum (wie fälschlicherweise behauptet), ob Queeraspora einen Redebeitrag halten kann. Sondern es ging nur darum, wann bzw. wie viele andere Gruppen vorher sprechen dürfen.

Ein Screenshot der Instagram-Story vom 27.08.21 vom Profil (Edit 05.09.21: Auf Bitte der:des Urheber:in haben wir den Account-Namen entfernt) mit der Falschbehauptung, der CSD Bremen hätte sich geweigert, Queeraspora einen Redebeitrag halten zu lassen.
Ein Screenshot der Instagram-Story vom 27.08.21 vom Profil (Edit 05.09.21: Auf Bitte der:des Urheber:in haben wir den Account-Namen entfernt) mit der Falschbehauptung, der CSD Bremen hätte sich geweigert, Queeraspora einen Redebeitrag halten zu lassen.

Es folgten einige Minuten Diskussion zwischen Queeraspora und CSD-Bremen-Orgamitgliedern. Durch den Übergriff von Queeraspora wurde unsere Versammlungsleitung vor drei Optionen gestellt:

  1. Queeraspora den ersten Redebeitrag statt des dritten Redebeitrags zu überlassen,
  2. Queeraspora von der Kundgebung zu verweisen,
  3. die Kundgebung ganz abzubrechen.

Queeraspora von der Kundgebung zu verweisen kam nicht in Frage, da wir die Kundgebung ja eben organisieren, um der queeren Community und damit auch Queeraspora Sichtbarkeit zu geben. Die Kundgebung ganz abzubrechen wäre auch nicht fair allen anderen Gruppen gegenüber. Die anderen Gruppen hatten ja schon Redebeiträge zur Kundgebung vorbereitet und möchten mit ihren Forderungen ebenfalls gehört werden und Sichtbarkeit erreichen.

Wir haben Queeraspora also den ersten statt des dritten Redebeitrag überlassen. Aber schauen wir uns an, warum das nicht so einfach ist. Oder auch, warum CSD-Organisation immer auch politische Entscheidungen beinhaltet.

In welcher Reihenfolge werden Redebeiträge auf einem CSD gehalten?

Das Grundproblem bei der Organisation der Redebeiträge ist so simpel wie komplex: Es besteht nur eine gewisse Zeit zur Verfügung. Nicht alle können als erstes dran sein. Und dass es überhaupt “nur” um die Reihenfolge der Redebeiträge geht, ist eine Folge der Corona-Bedingungen. Sonst ginge es schon mit der Frage los, wie viel Teil (mehr oder weniger unterhaltsame/aktivistische, die Meinungen gehen auseinander) Musik und wie viel Teil Redebeiträge auf einer CSD-Bühne richtig sind.

Wegen des Infektionsschutzes haben wir uns gegen Musik entschieden. Dadurch ist genug Zeit für alle Redebeiträge.

Zur Reihenfolge der Redebeiträge haben wir eine Rotation. Die Logik ist: Wer in einem Jahr als Letztes dran war, ist im nächsten Jahr als Erstes dran. Jedes Jahr rücken alle einen Platz nach hinten. Daraus ergibt sich, dass alle mal als Erstes dran sind.

Nun geht unsere Rotation noch auf eine Entscheidung des zweiten Orga-Teams für den CSD Bremen 2018 zurück, die seitdem halt fortgeführt wird. Im CSD-Bremen-Team bringen wir verschiedene intersektionale Perspektiven mit. Intersektional heißt, dass wir wegen mehrerer Eigenschaften (sexuelle Vorliebe, Geschlecht, Behinderung, …) diskriminiert werden. Aber die meisten Orga-Mitglieder sind weiß und ohne Migrationshintergrund. Deshalb kann man schon sagen, dass der Rahmen für die Redebeiträge aus einer mehrheitlich weißen Perspektive organisiert wird.

Andererseits haben wir die Rotation eingeführt, eben nachdem Queeraspora sich 2017 über den zu späten Platz beschwert hat. So war Queeraspora 2018 als Erstes dran. 2019 haben wir dann mit Queeraspora die Rotation besprochen und so war Queeraspora 2019 als Zweites dran. 2020 als Drittes. Für 2021 wäre Queeraspora theoretisch als Viertes dran gewesen, da aber Trans*Recht dieses Jahr aus zeitlichen Gründen keinen Redebeitrag halten konnte, wäre Queeraspora dieses Jahr auf Platz Drei gewesen.

Dass Queeraspora nun lieber die Kundgebung solange verhindert, bis sie als Erstes sprechen können, ist ein Übergriff, der sich nicht mit einem zielführendem intersektionalen Aktivismus verbinden lässt.

Denn auch wenn die meisten in unserem Orga-Team weiß sind, ist keines unserer Orga-Mitglieder weiß und ohne Migrationshintergrund und cis-männlich und nicht-behindert und schwul.

Insofern bitten wir Queeraspora, sich die selbst so betonte intersektionale Perspektive zu Herzen zu nehmen. Ihr greift hier nicht die weiß-gesunden-schwulen cis-Männer an, die Ihr im Kopf habt.

Um unsere Grundsätze zu zitieren:

Mehr miteinander reden.

Als CSD-Verein organisieren wir hauptsächlich die jährliche CSD-Demonstration. Mit der Demonstration richten wir uns an die Öffentlichkeit und möchten über unsere Inhalte und Forderungen aufklären. Dieses Prinzip wollen wir fortführen und insgesamt mehr Kommunikation herstellen:

  • zwischen den Menschen der queeren Community, damit es weniger Ausgrenzung innerhalb der Community gibt,

- Blogartikel "Unsere Vision und unsere Grundsätze. // Welche Überlegungen prägen unsere Entscheidungen" vom 15.11.2020.

Webredaktion

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    Jonas - 30.08.2021 22:44h:

    Ich war und bin unglaublich enttäuscht von Queeraspora. Ich hatte immer großen Respekt vor der Arbeit und den Anliegen dieser Organisation. Aber die Nummer am Freitag war einfach nicht ok. Der Weg an die erste Stelle zu rücken war Erpressung und der Inhalt der Rede war zu großen Teilen super unfair. Kein Wunder, dass viele den Platz verlassen haben, weil sie sich nicht weiter beschimpfen lassen wollten. Dass da viel Mist passiert ist und sich viel Ärger und Wut angestaut hat, kann ich total verstehen. Aber das rechtfertig einfach nicht, wie das am Freitag abgelaufen ist. Ich hoffe, dass die Aktion wenigstens ansatzweise ihr (zumindest so kommuniziertes) Ziel erreicht hat und in Zukunft eine gesündere, herzlichere Kommunikation zwischen CSD und Queeraspora möglich ist. Wir sind alle nur Menschen, egal in welcher Schublade wir uns selbst und gegenseitig sehen.


    Hannes - 31.08.2021 14:15h:

    Liebes CSD-Team und liebe Queeraspora,

    wenn möglich würde ich mir wünschen, dass auch ein Protokoll bzw. der Text des Redebeitrags der QUEERASPORA auf der Kundgebung vom 27.08.2021 veröffentlicht wird.

    Erfreulicherweise wird der Redebeitrag zumindest in meinem Umfeld rege diskutiert. Um diese Diskussionen auf eine fundierte Basis zu stellen, wäre es wichtig, den genauen Inhalt im Zweifel nachlesen zu können.

    Im Voraus schon mal vielen Dank und herzliche Grüße
    Hannes


    Christian - 31.08.2021 17:37h:

    Für mich hört sich das Vorgehen mit der Rotation sehr fair an. Umso bedauerlicher finde ich, das die, die gleiche Rechte und Regeln für alle einfordern sich nicht daran halten und ihre Meinung vor alle anderen stellen wollen. Das ist in meinen Augen nicht nur unsozial sondern auch noch spaltend und nötigend. Schade, aber Queeraspora hat meinen Respekt verloren.


    Alice Pogolinchen - 31.08.2021 18:56h:

    Liebe alte weiße Männer, es tut mir leid das Eure heile VereinsFunktionärsWelt kurz unterbrochen wurde. Auch Euer Kampf um VOLLE Rückgewinnung Eurer Privilegien ist noch nicht vorbei. Aber wenn mehrfachdiskriminierte über ihren EXISTENTILLEN Kampf um Leben oder Tod reden wollen, übergebt bitte nächstes mal unverzüglich das Mikro und hört ehrfurchtsvoll zu.
    Stonewall was a riot! Von trans*Frauen of color gestartet und von weißen schwulen Männern als Türöffner übernommen. Es geht hier nicht darum zu zeigen wie harmlos und angepasst wir sind.


    Norbert - 31.08.2021 20:12h:

    Ich war geschockt über Queeraspora! Ihr Auftreten hätte nur gepasst, wenn sie von der Szene gemobbt und ausgegrenzt wären. Wenn Sie an bestimmte Spielregeln gehalten haben, hätte ich gerne den Beitrag noch mal gelesen. Ganz schlimm fand ich die Drohung von Ihnen, die nächsten CSDs zu stören bis sie die Absegnung gegeben haben. So kam es bei mir an Wo bleibt die Demokratie?


    Bunt bunt - 03.09.2021 00:51h:

    Queerasporas Rede und Aktion kann man auf deren Instagram und Facebook Seite sehen...die haben das komplett hochgeladen.


    Alice Schulze - 03.09.2021 14:37h:

    Sorry, mein Kommentar vom 31.8. war auch nicht gerade hilfreich, um für Solidarität zu werben. Bitte geht aufeinander zu. Ich fands echt wichtig was Queeraspora zu sagen hatte.

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