Warum die Polizei dieses Jahr am CSD Bremen nicht teilnehmen konnte

Der CSD Bremen 2026 hat einmal mehr gezeigt, wie wichtig Sichtbarkeit, Zusammenhalt und der gemeinsame Einsatz für eine offene und vielfältige Gesellschaft sind. Tausende Menschen gingen auf die Straße, um für die Rechte queerer Menschen einzustehen und ein Zeichen gegen Diskriminierung und Queerfeindlichkeit zu setzen. Doch die Polizei fehlte in diesem Jahr unter den Teilnehmenden.

Der Grund ist einfach: Die Polizei musste den CSD absichern.

Eine Demonstration dieser Größe braucht zahlreiche Einsatzkräfte. Sie sorgen dafür, dass Menschen sicher demonstrieren können, sichern Verkehrswege und reagieren auf Gefahren. Gerade in diesem Jahr waren dafür viele Kräfte gebunden.

Die Polizei konnte deshalb nicht so am CSD teilnehmen, wie sie es in den vergangenen Jahren getan hat. Sie musste mit ihren verfügbaren Kräften dafür sorgen, dass andere sicher teilnehmen konnten.

Die fehlende Teilnahme war damit kein Zeichen von Distanz zum CSD oder zur queeren Community. Im Gegenteil: Sie war Ausdruck des besonderen Engagements der Polizei für die Sicherheit der Demonstration.

Sicherheit ist kein Thema nur für den CSD

Ein Blick auf die Entwicklung queerfeindlicher Straftaten zeigt: Sicherheit darf nicht nur am Demonstrationstag eine Rolle spielen.

Queerfeindliche Gewalt findet das ganze Jahr über statt – auf der Straße, im öffentlichen Nahverkehr, im Wohnumfeld, in Schulen, Vereinen und am Arbeitsplatz. Die gestiegenen Fallzahlen zeigen, dass es sich um ein dauerhaftes Problem handelt.

Deshalb brauchen Betroffene das ganze Jahr über erreichbare und verlässliche Unterstützung.

Ein wichtiger Baustein ist die queersensible Anzeigenaufnahme der Polizei Bremen. Wer nach einem Übergriff zur Polizei geht, muss darauf vertrauen können, ernst genommen und respektvoll behandelt zu werden. Der Zugang muss deshalb niedrigschwellig und unkompliziert sein.

Die Polizei Bremen hat ihr Angebot weiterentwickelt. Queersensible Ansprechpersonen gibt es inzwischen nicht mehr nur an einer zentralen Stelle. Das Angebot wurde auf mehrere Stadtteile ausgeweitet; weitere sollen folgen.

Das ist ein wichtiger Schritt. Wer Anzeige erstatten möchte, sollte nicht erst herausfinden müssen, wann eine geeignete Ansprechperson erreichbar ist und dafür möglicherweise quer durch Bremen fahren.

Der Weg zur Polizei muss so einfach wie möglich sein.

Dazu gehören mehrere Ansprechpersonen, klare Kontaktwege und die Möglichkeit, einen Termin für die Anzeigenaufnahme zu vereinbaren. So können Betroffene in einem geschützten Rahmen mit einer entsprechend sensibilisierten Person sprechen.

Weitere Informationen zur queersensiblen Anzeigenaufnahme und zur Kontaktaufnahme gibt es auf der Internetseite der Polizei Bremen.

Vertrauen entsteht durch Begegnung

Das Verhältnis zwischen Polizei und queerer Community war historisch nicht immer einfach. Staatliche Repression und Diskriminierung gehören zur Geschichte der queeren Emanzipation. Diese Geschichte darf nicht vergessen werden. Sie darf aber auch nicht den Blick auf die Gegenwart verstellen.

In Bremen übernehmen Polizeikräfte heute eine andere Rolle: Sie schützen den CSD, verfolgen queerfeindliche Straftaten und entwickeln die queersensible Anzeigenaufnahme weiter. Deshalb können wir Betroffene nur ermutigen, das Angebot der Polizei zu nutzen, wenn es zu einer Straftat kommt.

Die Polizei kann Queerfeindlichkeit nicht allein bekämpfen

Die Verantwortung für die gesellschaftliche Entwicklung liegt allerdings nicht bei der Polizei. Sie kann Straftaten verfolgen und Gefahren abwehren. Die Ursachen von Queerfeindlichkeit liegen jedoch tiefer.

Queerfeindliche Einstellungen entstehen in Familien, Schulen, Vereinen, politischen und religiösen Zusammenhängen und zunehmend auch im Internet. Deshalb sind wir alle gefordert, Menschenfeindlichkeit zu widersprechen – unabhängig davon, gegen wen sie sich richtet.

Wenn ein queerfeindlicher Spruch fällt, braucht es Widerspruch.

Wenn queere Menschen in Schule, Verein oder am Arbeitsplatz abgewertet werden, dürfen wir das nicht hinnehmen.

Und wenn politische Akteure queere Menschen bewusst zum Feindbild machen, braucht es einen klaren demokratischen Widerspruch.

Zivilcourage beginnt im Alltag.

Der Staat kann Straftaten verfolgen und Grenzen setzen. Eine offene Gesellschaft muss aber mehr leisten: Sie muss dafür sorgen, dass Queerfeindlichkeit möglichst wenig Raum bekommt.

Das gelingt nicht allein durch staatliches Handeln. Eine offene Gesellschaft lebt vom Engagement ihrer Bürgerinnen und Bürger. Diese Verantwortung können wir nicht an Polizei, Politik oder andere staatliche Stellen abgeben.

Sicherheit ist eine Daueraufgabe

Wir brauchen eine Polizei, die queerfeindliche Gewalt konsequent verfolgt und Betroffene sensibel unterstützt. Wir brauchen Politik und Verwaltung, die dafür die notwendigen Rahmenbedingungen schaffen.

Vor allem aber brauchen wir eine Gesellschaft, die selbst Verantwortung für unsere freiheitliche und offene Gesellschaft übernimmt.

Jeder Mensch kann dazu beitragen, dass die Würde anderer geachtet und geschützt wird.

Wenn wir unsere Gesellschaft positiv verändern wollen, können wir nicht immer größere Polizeiaufgebote zur Absicherung von Demonstrationen und Veranstaltungen verlangen. Unser Ziel muss eine Gesellschaft sein, in der Positionen, die mit einer offenen Gesellschaft und unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung unvereinbar sind, keinen Platz finden.

Das liegt an uns allen.

Sicherheit ist eine gemeinsame Aufgabe.

Queerfeindlichkeit widersprechen – immer, überall und gemeinsam.