Die LGBTQI+ Community muss Hanau gedenken – 365 Tage im Jahr


Der rassistische, rechtsterroristische Anschlag in Hanau, der neun Menschenleben kostete, jährt sich. Es war kein Akt des “Hasses”, der “Vorurteile”, der “Fremden-“ oder “Ausländerfeindlichkeit”, es war das Resultat eines tiefsitzenden, gesellschaftlichen Rassismus. Die anderen genannten Bezeichnungen der Tat verharmlosen und individualisieren das Problem. Die Opfer mit solchen Worten als “Ausländer” oder “Fremde” zu markieren stigmatisiert umso mehr.

Eine klare Benennung ist wichtig, denn in den Gesellschaftswissenschaften gelten -ismen als systematisch verankert. Das bedeutet, wir alle sind rassistisch sozialisiert und tragen eine Verantwortung. Diesbezüglich stelle ich mir immer wieder die Fragen:

“Warum erheben wir uns erst zu Wort, wenn es zu spät ist?”

“Warum sind es erst die Extremsituationen in denen wir uns solidarisieren?”

Die LGBTQI+ Community muss Hanau gedenken – 365 Tage im Jahr.

Natürlich nicht nur die queere Community. Wir alle. Doch zentral an dieser Aussage ist, dass gerade marginalisierte Gruppen durch ihre eigenen Kämpfe, die ineinandergreifenden Strukturen von Diskriminierung nicht im Fokus haben.

Für viele steht eine Identität im Vordergrund, oft die, mit der wir uns am meisten auseinandersetzen. Im Bezug zum CSD steht natürlich alles im Scheinwerferlicht, das nicht der Heteronormativität und ihren Vorstellungen von Gender entspricht.

Doch ich bin nicht nur queer. Ich bin nicht nur Frau. Ich bin auch Enkelin von jemanden, die noch als türkische Gastarbeiterin nach Deutschland kam. Viele Identitäten sind deutlich komplexer.

Das macht es umso schmerzhafter den Rassismus in Räumen zu sehen, die eigentlich “Safer Spaces” sein sollten, denn viele People of Color (abgekürzt POC oder BIPOC) fühlen sich in den vornehmlich weißen queeren Spaces nicht wohl. In vielen schwulen Chatrooms haben Partnersuchende “Keine Schwarzen, keine Asiaten” in ihren Profilen stehen oder sie fetischisieren bestimmte Gruppen sogar, es werden ganze Forenbeiträge verfasst und diskutiert in denen das Feindbild des homophoben Muslimen befeuert wird, als sei Homophobie eine Importware.

Ich erinnere mich noch zu gut daran, wie auf einem CSD eine Person vor mir tanzte von deren Rucksack stolz ein “AfD”-Anhänger baumelte.

Es wird oft nicht einmal darüber reflektiert, dass die Community nicht ausschließlich weiß, christlich oder able-bodied ist. Wer glaubt, der eigenen Unterdrückung mit Rassismus und dem Aufstacheln gegen andere Minderheits-Identitäten entgegen wirken zu können, müsste glatt mit einem “Alice-Weidel-“/”Ernst-Röhm-Syndrom” diagnostiziert werden.

Nur einen Solidaritäts-Beitrag zu Hanau, Halle oder Chemnitz zu schreiben, war noch nie genug. Ein kurzer Aufschrei ,wenn bereits Menschen ermordet wurden, verfehlt die Notwendigkeit eines rassismuskritischen, intersektionalen Queer-Aktivismus. Die größte Anteilnahme können wir zeigen, indem wir aktiv rassistische Strukturen innerhalb unserer Bewegung ansprechen und uns bemühen sie zu dekonstruieren.

Indem wir auch Queers of Color Safer Spaces ermöglichen, ihnen zuhören und uns reflektieren. Wir müssen staatliche Behörden in ihrer Gesamtheit kritisieren und nicht nur dann, wenn sie queerfeindlich agieren. Sie nicht, wie nach der Öffnung des Polizeidienstes für trans* und inter* Personen, auf einmal wieder in die Arme nehmen und feiern. Währenddessen sind Racial Profiling und Stigmatisierung durch dieselben Behörden, wie sie selbst der in Hanau ermordete Hamza Kurtović sogar nach seinem Tod noch erfuhr, weiterhin Alltag.

Rassismuskritisches Denken lernen statt leerer Worte ist die Botschaft.

Man kann anfangen indem man Tupoka Ogette’s “exit RACISM: rassismuskritisch denken lernen” liest oder sich auf Spotify anhört. Enissa Amani’s eigeninitiierte Antwort “DIE BESTE INSTANZ” auf den WDR-Eklat diskutiert Alltagsrassismus mit Expert*innen aus Wissenschaft, Journalismus und Aktivismus, ist absolut empfehlenswert und verweist auf zahlreiche Literatur zur Weiterbildung.

Auch die Bundeszentrale für Politische Bildung ist ein guter Einstieg in komplexe Themen, sowie die Bildungsstätte Anne Frank, die auch auf Instagram zu finden ist.

Wir müssen einen wichtigen Schritt in Richtung Verantwortung, Solidarität und somit auch im respektvollen Gedenken machen. Kein Schweigen. Kein Vergessen.

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Im Überblick:

Svea Schnaars

Geschrieben von: Svea Schnaars

Bereits durch mein Studium der Politikwissenschaften und der Kulturwissenschaften habe ich mich intensiv mit Diskriminierungsstrukturen befasst, wie ich es nun auch in meinem Masterstudium der Sozialwissenschaften und meinem politischen Engagement weiterhin tun werde.

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